Corona im Westjordanland

Ein Bericht von Julius Pahl

Von Februar bis Juli 2020 war ich in Bethlehem am Palestine Museum of Natural History, um dort mein Praxissemester im Rahmen des Ökologie- und Umweltschutzstudiums zu absolvieren. Das Museum ist eine Institution, zu der auch das Palestine Institute for Biodiversity and Sustainability sowie ein Botanischer Garten mit angeschlossenem Community Garden gehören. Die Einrichtung basiert auf drei Säulen: Research, Education and Conservation. Das Eine bedingt das Andere. Im Jahr 2014 von Dr. Mazin Qumsiyeh, seiner Gattin Jessie Chang und der Hilfe von Freiwilligen gegründet, ist das Institut mittlerweile Teil der Bethlehem University. Mit jährlich mehr als 20 Publikationen, ist es einer ihrer produktivsten Zweige. Inzwischen arbeiten am Institut neben den sieben festen weiterhin eine Zahl ehrenamtlicher Mitarbeiter*innen. Das Museum ist die einzige Einrichtung seiner Art im gesamten Westjordanland.

“Nur was bekannt ist, kann aktiv bewahrt werden” Dr. Mazin Qumsiyeh

Die Forschungsarbeit verteilt sich auf Erhebungen der Flora und Fauna im Westjordanland. Darauf, Analysen ihrer zeitlichen und räumlichen Veränderungen zu ermöglichen und gegebenenfalls neue Vorkommen oder Arten zu beschreiben. Außerdem auf die Zytogenetik im Labor, um die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt zu untersuchen. Zur Museumsarbeit gehört das Anlegen, Instandhalten und Zugänglichmachen der Sammlungsbestände. Unter anderem beherbergt das Museum die umfangreichste Sammlung von Grashüpfern, Libellen und Käfern der Region. Im Ausstellungsraum werden Teile der Sammlung präsentiert, ergänzt durch Schautafeln zu Umwelt und allgemeiner Biologie. Bevor Covid-19 seinen Lauf nahm, gehörten regelmäßige Besuche von Schulklassen zum festen Ablauf der Museumsarbeit. Mit einigen Schulen der umliegenden Orte Beit Jala, Beit Sahour, Ertas und natürlich Bethlehem wurden auch umfangreichere Projekte zur Umweltbildung durchgeführt. Zum Beispiel wurde der Wanderweg durch das Al-Makhrour-Tal, der in das UNESCO-Dorf Battir führt, gemeinsam mit Fünftklässler*innen mehrerer Schulen von Müll befreit. Auf diese Weise fördert das Museum gleichzeitig den Ökotourismus und schafft Verbindungen zwischen Mensch und Natur. Vor einigen Monaten ging vom Museum auch die Gründung der Palestine Action Group aus(vergleichbar mit einer lokalen, unabhängigen Gruppe von Extinction Rebellion).

Im Bereich Naturschutz ist das Institut aktiv als Auffang- und Rehabilitationsstation für Wildtiere tätig. Der angeschlossene botanische Garten, beherbergt zudem eine bedeutende Zahl bedrohter einheimischer Pflanzenarten.

In naher Zukunft soll das Museum ein neues Gebäude mit modernen Ausstellungsräumen und Arbeitsplätzen erhalten. Momentan residiert es im ehemaligen Studentenwohnheim der Universität. Seit keine auswärtigen Studierenden, vor allem aus Gaza, mehr in das Westjordanland kommen dürfen, wurde es umfunktioniert. Das ehemals ungenutzte umliegende Brachland wurde aufgewertet und kann mit Recht als “Oase” bezeichnet werden.

In den fünf Monaten war ich sehr eng in die Aktivitäten am Institut eingebunden. Nicht zuletzt dadurch, dass ich im Hinterhaus von Dr. Mazin wohnen konnte und wir täglich gemeinsam morgens hin und abends (manchmal spätabends) zurück fuhren. Zu meinen alltäglichen Tätigkeiten gehörte es, für die Tiere auf dem Gelände zu sorgen. Wir haben gemeinsam erfolgreich einen Adlerbussard ausgewildert und einen Junguhu aufgezogen. Außerdem gibt es eine Voliere mit einem Pfauenpärchen und Hühnern. Die Haltung dieser Nutzvögel ist eingebunden in die Demonstration des Nährstoffkreislaufes, welcher auf dem gesamten Gelände gelebt wird. Alles steht unter der Maxime der Müllvermeidung. In der Region spielt Abfall leider eine sehr sichtbare Rolle. Es gibt keine Anlagen, die deutschen Standards entsprechen würden. Dafür eine große Zahl offener Deponien sowie illegaler Ablagerungsplätze. Ziel des Institutes ist es, nicht nur ein Bewusstsein für dieses Umweltproblem zu schaffen, sondern auch an dessen Beseitigung mitzuwirken. Beispielsweise werden Recycling-Projekte gefördert und die Wände der Anzuchtanlage bestehen ausschließlich aus Draht und PET-Flaschen.

Die ursprüngliche Projektidee war es, das Algae turf scrubber -System am Museumsteich in Betrieb zu nehmen und einen Versuch zur Düngefähigkeit der dabei entstehenden Algenmasse durchzuführen. Dazu wird kontinuierlich mittels einer Pumpe das Teichwasser über einen etwa 30 cm schmalen Ablauf geleitet. Darauf bildet sich bei genügender Nährstoffmenge und Lichteinfall rasch ein Algenbelag, der alle zwei bis drei Tage geerntet, getrocknet und pulverisiert wird. Als Beimischung zu degradierten Böden aus der Jericho-Region wollten wir untersuchen, ob und wieviel davon günstig ist, um das Wachstum von Nutzpflanzen zu optimieren. Unser Konzept war nahezu fertig, doch dann kam Corona. Das bedeutet, im gesamten Westjordanland wurde innerhalb weniger Tage ein strikter Lockdown angeordnet. Nur ein Kollege, der neben dem Museum wohnt, konnte noch hin um die Tiere zu versorgen, die restliche Arbeit stand still bzw. fand nur noch am Rechner statt. Innerhalb von zwei Wochen reisten alle internationalen Helfer*innen ab, darunter ein Berliner, zwei Norwegerinnen, eine Österreicherin und eine Britin. Sie alle mussten versichern, auf dem direkten Wege das Land zu verlassen, sobald sie das Westjordanland verlassen hatten. Nicht nur das Durchkommen an den üblichen Checkpoints war nicht anders möglich, auch die Palästinensische Führung hatte Kontrollen an wichtigen Straßenkreuzungen und Ortsausgängen eingerichtet.

Also wechselte mein Fokus zum zweiten Projekt, welches ich bereits begonnen hatte. Darin sollte ich die Orchideenarten im Westjordanland zusammentragen und eine möglichst aktuelle Verbreitungskarte erstellen. Ein weiteres Ziel meiner Arbeit war es, Bedrohungen der Orchideen zu untersuchen sowie geeignetes Bild- und Infomaterial für das Museum zu erstellen. Der Großteil an Blütenpflanzen im Mittelmeergebiet blüht im Frühjahr. So auch die Orchideen, deren Hauptblütezeit im März und April ist. Genau in diese Zeit fiel der strenge Lockdown, sodass sich die Arbeit mehr auf Daten der letzten Jahrzehnte beschränken musste. Nur im direkten Umfeld von Bethlehem konnten wir ein paar Ausflüge unternehmen und Orchideen dokumentieren. Im Ergebnis entstand ein Artikel über die 20 Arten, welcher demnächst publiziert wird.

Trotz der Corona-Maßnahmen konnte ich einige schöne Höhepunkte erleben. Dazu zählen die Besuche bei den Landwirten der Region, die Auswilderung einer Tüpfelhyäne, sowie ein Kletterausflug in Wadi Qiniya (s. Foto). Nachdem die Provinzen Ende Mai wieder geöffnet wurden, konnten wir auch endlich wieder an den Wochenenden Exkursionen unternehmen. Bei diesen teils nächtlichen Fahrten, haben wir Kleinsäuger- und Kamerafallen platziert, Wasserproben sowie eine Vielzahl von Insekten und Spinnentieren gesammelt. Nach wochenlangem Literaturstudium war es für mich spannend, endlich die Landschaften und Lebensräume live zu sehen, wobei uns auch die Drohne des Museums zur Verfügung stand.

Damit durfte ich Aufnahmen des Museumsgartens machen, der uns täglich mit frischem Gemüse und Obst versorgt hat. Viele Leckereien habe ich bei unseren gemeinsamen Mittagessen kochen und schätzen gelernt. Um Kompost für die Obstbäume zu generieren, war ich auch regelmäßig beauftragt Bio-Abfälle vom Großmarkt zu besorgen. Kistenweise konnte ich so Auberginen, Zucchini, Tomaten, Gurken, Kohl und vieles mehr organisieren. Ein Großteil davon durchaus genießbar, sodass wir nur wenige Lebensmittel dazu kaufen mussten (Reis, Milch, Salz, Öl). Die Oliven, die beinahe zu jeder Mahlzeit gehören, sind ebenso aus dem Garten, wie auch der Fisch, den wir dem Aquaponic-System entnehmen konnten. In dieser Anlage werden Tomaten, Frühlingszwiebeln, Basilikum und mehr Nutzpflanzen in einem Beet aus Lavastein kultiviert und nur mit dem Brauchwasser der Fischtanks gedüngt. Auf diese Art wird das Wasser gefiltert. Die einzige Nährstoffzugabe erfolgt über die tägliche Fischfütterung. An beiden Seiten kann geerntet werden, d.h. die Anlage versorgt uns mit Fisch und Gemüse. Manchmal hört man auch einen Frosch aus dem Ablaufbecken quaken.

Der Aufenthalt in Bethlehem verlief sehr anders als erwartet. Dennoch hat mich diese Erfahrung sehr bereichert, ich habe vieles gelernt und durch die Aufgaben auch richtig Lust auf das Berufsfeld Ökologie bekommen. Mein herzlicher Dank gilt Dr. Mazin und Jessie für die unkomplizierte Aufnahme und Mühe, dem gesamten Team des PMNH und Majd Salsa für seine Tipps.

Weitere Informationen zum Institut sind hier zu finden: www.palestinenature.org

Rundgang durch den Garten mit Professor Qumisyeh: https://www.youtube.com/watch?v=7cBil5ahC6o

Interview mit Majd Salsa, Gärtner in Beit Sahour:
https://www.youtube.com/watch?v=7mdtXROE1as

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