Offene Türen in Argentinien

  1. Motivation

Seitdem ich in den USA als Au Pair gearbeitet habe und dort viele Freundschaften mit Menschen aus unterschiedlichsten Ländern geknüpft habe, ist es mein Traum weitere Länder zu bereisen und Kulturen kennenzulernen. Für mich war es sehr wichtig, dass mein Studium mindestens ein Auslandsaufenthalt vorschreibt und mir die Möglichkeit bereitstellt, freiwillig weitere Auslandserfahrungen zu sammeln.

Es werden an meiner Hochschule Förderprogramme angeboten wie bspw.: Erasmus oder das PROMOS Stipendium, welche ich beide für meine Auslandsaufenthalte nutzen konnte.
Zudem wurde ich durch meine Hochschule auf das Programm von NICE aufmerksam, welches Praktika in Argentinien anbietet. Ich hatte den Wunsch mein Spanisch zu verbessern und die Arbeitskultur in einem internationalen Unternehmen kennenzulernen. Dabei habe ich ehrlich gesagt nicht zuerst an Argentinien gedacht. Nachdem ich mir jedoch das Programm von NICE näher angeschaut habe und die positiven Erfahrungen über Argentinien gelesen habe, dachte ich mir: dieses Land wird mein nächstes Ziel. Argentinien hat nicht nur eine wunderschöne und einzigartige Landschaft und Natur zu bieten, sondern auch eine interessante Kultur und Geschichte, die ich kennenlernen wollte.

Bei den Stellenanzeigen von NICE habe ich letztendlich ein Praktikum in einem internationalen Handelsunternehmen gefunden und mich dafür beworben. Dieses habe ich gewählt, da mir nicht nur die Möglichkeit geboten wurde studienbezogene Bereiche anzuwenden, sondern auch neue Inhalte kennenzulernen. Darüber hinaus war es mein Ziel mein Spanisch zu verbessern und themenspezifisches Vokabular zu erlernen.

Schon vor der Zusage für meinen Praktikumsplatz habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich mir diesen Aufenthalt finanzieren könnte. Da ich diesen Plan schon ein Jahr im Voraus hatte, habe ich einen Teil von meinem Gehalt meines studentischen Nebenjobs beiseitegelegt. Des Weiteren hatte ich mich für eine Auslandsförderung nach dem BAföG-Satz beworben, diesen aber leider nicht erhalten, weil die Behörde keinen zweiten Auslandsaufenthalt fördern wollte. Also habe ich meine Hoffnung auf das PROMOS Stipendium gesetzt, was ich dann glücklicherweise erhalten habe. Also ging es für mich im Februar 2019 nach Córdoba, Argentinien.

  • Mein Praxisunternehmen DAGRI – Comercio Internacional

Das Handelsunternehmen ist ein klein- und mittelständisches Unternehmen, das als Zollagent und Logistikspediteur agiert und aus insgesamt 12 Mitarbeitern besteht. Das Unternehmen befindet sich in einem Bürogebäude im Zentrum der Stadt Córdoba, wenn man es betreten möchte, muss man seinen Namen angeben und wird von einem Sicherheitsbeamten kontrolliert. DAGRI befindet sich im vierten Stock und das Büro besteht aus fünf offenen Räumen: der Empfangsraum, Administrationszimmer, ein Raum für Meetings, ein Bereich für alle Mitarbeiter im Export und Import und der Raum des Managers. Die Räumlichkeiten sind hell und einladend gestalten und für alle Mitarbeiter stets zugänglich.

Zum Unternehmen allgemein lässt sich beschreiben, dass es sich aus einer flachen Hierarchie zusammensetzt, welche sich in vier Bereiche gliedert: Geschäftsführung, Verwaltung (inklusive Finanz-, Rechnungs- und Personalwesen), Marketing, Export- und Importverfahren. Bezüglich der importierten und exportierten Ware lässt sich feststellen, dass der Großteil der Produkte in die Rubriken Autoteile, Flugnavigationssysteme, Lebensmittel, Getreide, Land-wirtschaftliche Maschinen oder Straßenbaumaschinen fallen.

Die folgende Abbildung gestaltet die Prozesse, die eine Operation im Import oder Export durchläuft, bis sie vollständig von den Mitarbeitern in DAGRI ausgeführt und vollzogen ist.

3. Erfahrungen im Unternehmen

An meinem ersten Arbeitstag wurde ich von allen Mitgliedern des Unternehmens herzlich mit einem Begrüßungskuss auf die Wange empfangen, so wie das hier typisch ist. In meiner ersten Woche wurden mir alle wichtigen Aufgaben und Funktionen vorgestellt, die für das Import und Exportgeschäft wichtig sind. Danach konnte ich schon mit eigenen Aufgaben loslegen. Unter anderem müssen wir im Unternehmen die zahlreichen Handelsdokumente und Verträge kontrollieren, damit der Export oder Import problemlos ablaufen kann. Zudem habe ich auch den Verwaltungs- und Finanzbereich kennengelernt und konnte einiges von dem Wissen, was ich an der Universität erlangt habe, praktisch anwenden. Da das Unternehmen als Zollagent agiert, hatte ich die Möglichkeit Themenbereiche kennenzulernen, die in meinem Studium nicht so ausführlich behandelt wurden. Dadurch konnte ich meinen Wissenstand in eine neue Richtung erweitern, was mir sehr gut gefallen hat. Zusätzlich dazu wurde ich sicherer mit der Sprache und habe neue Freundschaften im Unternehmen bilden können.

Was mir besonders gut in Erinnerung bleiben wird, sind die Traditionen, die in DAGRI verankert sind. Beispielsweise bekommt jeder Mitarbeiter zu seinem Geburtstag ein Geschenk, zu dem alle ihren finanziellen Anteil beitragen. Überdies haben sich die Mitarbeiter angewöhnt ab und an Brötchen, Croissants oder andere Süßigkeiten mitzubringen, wenn sie aus dem Urlaub kommen oder erfreuliche Nachrichten haben, wie bspw. eine wichtige bestandene Prüfung. Zudem haben wir jeden Tag gemeinsam Mittag gegessen und konnten uns währenddessen über alles austauschen und etwas von der Arbeit abschalten. Auffallend war außerdem die Offenheit, Zusammenarbeit und Gemeinschaft in DAGRI. Das Motto „meine Tür steht immer offen“ wird im Unternehmen konsequent durchgesetzt und hat dazu geführt, dass ich von Tag eins stets meine Fragen loswerden konnte und mich sofort wohl gefühlt habe.

4. Leben in Argentinien

Das Leben in Argentinien ist von ständigen Höhen und Tiefen geprägt, die Menschen sind daran gewöhnt, dass durch die starke und ständig schwankende Inflation ihr Geld von dem einen zum anderen Tag plötzlich weniger wert ist. Nichtsdestotrotz haben sie einen Kampfgeist entwickelt, der sie in diesen Situationen nicht unterkriegen lässt. Diese Einstellung mancher Menschen in Argentinien hat mich sehr beeindruckt und mir auf den Weg gegeben, dass egal wie schwierig und ausweglos eine Situation erscheint, ich immer um das kämpfen sollte, was ich erreichen möchte und mir selbst vornehme.

Sonnenuntergang in Cordoba

Ich habe in Córdoba gelebt, welche die zweitgrößte Stadt in Argentinien ist. Die Innenstadt hat wunderschöne kleine sogenannte „Plazas“, in denen man sich mit seinen Freunden treffen und Mate, das typische warme Getränk, trinken kann. Außerdem gibt es verschiedene Stadtviertel mit vielen Einkaufsmöglichkeiten, Bars, Restaurants und Tanzclubs. Mein Lieblingsviertel heißt „Güemes“. Es hat mich stets an die Neustadt in Dresden erinnert, weil jedes Gebäude eine individuelle Gestaltung hat und jede Bar anders und teilweise mit riesigen, offenen Hinterhöfen ausgestattet ist. Sobald man eine Bar betritt, hört man entweder Reggeaton Musik oder es läuft ein Fußballspiel. Die Leute sitzen in großen Gruppen beieinander und fangen um 23 Uhr nachts an Abendbrot zu essen.

In Argentinien lernt man unglaublich schnell neue Leute kennen, allein wenn sie hören, dass man aus Deutschland kommt, fangen sie an einen über alles Mögliche auszufragen. Zudem erzählen sie, dass ihre Vorfahren aus Ländern wie Spanien, Italien oder auch Deutschland stammten und sie gerne nach Europa reisen würden.

Ein extrem wichtiges Ritual ist der „Asado“ in Argentinien. Den „Asado“ würden wir in Deutschland „Grillen oder Barbecue“ nennen. Die Argentinier kaufen dabei enorme Mengen von Fleisch ein, es ähnelt fast schon einem ganzen Tier und dann wird alles gegrillt. Jedes Haus hat seinen eigenen Asado, den kann man sich als eine Art offener Ofen vorstellen mit Grillgitter, auf dem dann natürlich das Fleisch gegrillt wird. Dieser Asado kann manchmal von mittags bis zum späten Abend andauern und wird stets im Großen Familien- und Freundeskreis an fast jedem Sonntag fabriziert.

Ich hatte glücklicherweise die Möglichkeit an verlängerten Wochenenden ein paar Trips in Argentinien zu unternehmen. Beispielsweise bin ich nach Iguazú gefahren, das ist ein Ort an der Grenze zu Brasilien und Paraguay. Dort befinden sich die bekannten Wasserfälle von Südamerika.

Wasserfälle von Iguazú

Es war ein unglaublicher und einzigartiger Ausflug. Die Wasserfälle waren zu dieser Zeit rot, durch den vielen Regen, der die Erde mit sich gespült hatte. Diese Aussichten sind nicht zu beschreiben. Überdies waren einige Wasserfälle so gewaltig und vermittelten eine ungeheure Kraft und Stärke. Eine weitere einzigarte Erfahrung war zudem, dass ich einfach mal so mit dem Taxi über die Grenze nach Brasilien gefahren bin. Dort bekam ich einen Stempel in meinen Reisepass und als ich am selben Tag wieder zurück nach Argentinien gefahren bin, wurde mir abermals ein Stempel gegeben. Das Resultat war, dass ich plötzlich erneut 90 Tage mehr Aufenthaltsrecht in Argentinien hatte. Sobald man Argentinien über eine andere Landesgrenze verlässt und man danach wieder zurück ins Land kommt, werden einem automatisch von vorn 90 Tage Aufenthaltsrecht zugeschrieben. Aus diesem Grund muss man sich nicht unbedingt ein Visum besorgen.

Wenn man in Argentinien ist, muss man sich natürlich auch Buenos Aires anschauen. Buenos Aires ist eine riesige Hafenstadt mit zahlreichen, wunderschönen Stadtvierteln, die Italien, Spanien oder auch Frankreich sehr ähneln. In manchen Gegenden habe ich mich teilweise gefühlt, als würde ich durch Straßen in Florenz laufen. Das hat dazu beigetragen, dass ich mich sofort wie zu Hause gefühlt habe. Mein Lieblingsviertel in dieser Stadt war definitiv Palermo. Dieses besteht aus einzigarten Bars, Restaurants, kleinen Geschäften und engen Gassen. Zudem findet jeden Samstag ein riesiger Markt dort statt, auf dem man unter anderem die bekannten Matebecher und die dazugehörigen „Bombillas“ (Trinkhalme) in den unterschiedlichsten Ausführungen vorfinden kann.

Casa Rosa (Präsidentenhaus) in Buenos Aires
Stadtviertel Palermo bei Nacht

5. Fazit

Meiner Meinung nach, ist ein Auslandsaufenthalt die beste Möglichkeit sein Wissen in einer anderen Art und Weise zu erweitern. Es gibt einem die Möglichkeit sich sowohl auf professioneller Ebene als auch auf der menschlichen Ebene zu entwickeln. Die Kultur eines fremden Landes zu erleben, andere Herangehensweisen zu erlernen, neue Freundschaften und dadurch Netzwerke zu bilden, sind wohl die bedeutungsvollsten Errungenschaften, die man aus einem Auslandsemester mit sich nehmen kann.

Die Vorbereitungen für das Auslandssemester sind dabei entscheidend. Man sollte sich schon einige Zeit im Voraus darüber im Klaren sein, wie man einen solchen Aufenthalt finanzieren möchte. Zudem sollte man vorzeitig kontrollieren, was man für die Bewerbungsunterlagen benötigt, welche Versicherungen oder eventuelle gesundheitliche Vorkehrungen getroffen werden müssen. All diese Schritte scheinen zu Beginn überwältigend und können demotivieren. Sobald man jedoch einen nach dem anderen abhacken kann und das Ziel näher rückt, kommen sie einem gar nicht mehr so kompliziert vor. Dadurch vergeht die Zeit wie im Flug und eh man sich versieht steht der Abreisetag an. Wenn man erst einmal im Ausland angekommen ist, sind die vielen stressigen Vorkehrungen zügig vergessen und es kommt nur noch darauf an, alles in vollen Zügen zu genießen. Die Mühe ist es auf jeden Fall wert, da die Erfahrungen, Erlebnisse und die eigene Entwicklung alles, was davor schwierig schien, ganz unwichtig werden lassen.

Die Sierra außerhalb von Cordoba
Argentinische Gauchos
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