MONGOLEI UND IHRE KLEINSÄUGER – Teil 2

ZURÜCK IN ULAANBAATAR

Wir sind zurück in Ulaanbaatar und verabschieden die jungen
Studenten, für die bald das 5. Semester und der Uni-Alltag losgeht.
Dann werden wir wieder ins International Student Dormitory
gefahren und besprechen die Planungen für die nächsten Tage.
Hermann und Margit fliegen in wenigen Tagen zurück nach
Deutschland und Rico und Ich müssen die nächsten sechs Wochen
das Fangen von Hausmäusen organisieren. Zunächst suchen wir
uns das Equipment zusammen, es kommt mehr zusammen als
gedacht…

Dann überlegen wir, aus welchen Teilen des Landes
bereits Hausmausmaterial vorliegt und wo man sonst noch gut
hinfahren könnte um weiteres Material zu sammeln. Unsere Treffen
mit Lkhagva und seinem Kollegen Prof. Samiya sind sehr
aufschlussreich. Samiya bietet uns die Möglichkeit an, in seinem
Sommerhaus nördlich Ulaanbaatars für ein paar Tage die Fallen
aufzustellen. Und Hermann und Lkhagva bringen noch weitere
Ideen ein und kontaktieren Freunde und Bekannte.
Auch Martin, den wir in Tunchel kennenlernten, bietet uns an nach
Sukhbaatar zu fahren. Er ist dort beruflich unterwegs und kennt
einige Leute. Wir folgen dieser Idee und buchen uns ein Zugticket
bei der Transmongolischen Eisenbahn (Abzweig der
Transsibirischen Eisenbahn) für den 24.08., welche uns an die
russische Grenze bringen wird.

transsib

24.08.2016

MIT DER TRANSSIB NACH SUKHBAATAR
Obwohl Sukhbaatar nur rund 400 km nördlich von der Hauptstadt
entfernt liegt, benötigen wir über neun Stunden mit der alten
Transsib. Der Zug ist genauso, wie ich mir ihn immer vorgestellt
hatte. Eine alte Eisenbahn, prachtvoll, hochwertig und robust
gebaut, welche je Abteil das Wasser in einem Boiler durch
Kohlefeuerung erwärmt, damit die Reisenden Tee serviert
bekommen können. Der Zug ist ausgesprochen sauber und
gepflegt; die Toiletten dürfen nur entfernt größerer Städte benutzt
werden…

boiler schlafkabine

Wir liegen zu zweit in einer Vier-Bett-Schlafkabine und bekommen
Tee und Bettbezug für die Nachtfahrt. Ich denke darüber nach, wie
wir – nun das erste Mal mehr oder weniger alleine unterwegs – den
Mongolen erklären wollen, was wir arbeiten und warum wir Fallen
aufstellen – es bleibt spannend.
Ich kann die ganze Nacht kaum schlafen, da ich viel zu sehr damit
beschäftigt bin, die letzten Erlebnisse zu verarbeiten. Außerdem
wissen wir gar nicht genau wann wir ankommen. Diese wichtige
Information steht nicht auf dem Zugticket und die Schaffnerin
versteht unser Anliegen nicht so recht als wir nach Auskunft fragen,
also bleibe ich auf, um den Ausstieg nicht zu verpassen…
Als ich liegend aus dem Fenster in den Sternenhimmel hinaufschaue
bin ich sogar froh wach zu sein, denn es ist ein atemberaubender
Augenblick und ich kann es nicht fassen, dass ich mit der
berühmten Transsib fahren darf.

Wir kommen gegen 05:00 Uhr in der Frühe in Sukhbaatar an; es ist
noch dunkel und wir haben jede Menge schweres Gepäck.
Glücklicherweise hat uns Martin schon in seinem Hotel, 200 m vom
Bahnhof entfernt, angekündigt, sodass wir unkompliziert
einchecken und gleich ins Bett fallen können. Ein paar wenige
Stunden Schlaf will ich dann doch noch nachholen.

25.08.2016
SUKHBAATAR UND DIE ERSTEN HAUSMÄUSE
Zunächst verschaffen wir uns einen Überblick und laufen
verschiedenste Wege ab. Ich notiere mithilfe meines Sprachführers
ein paar wenige mongolische Wörter auf einem Blatt Papier, die uns
bei der Erklärung unserer Arbeit helfen sollen, wenn wir Menschen
ansprechen und fragen, ob wir Fallen bei ihnen aufstellen können.
Wir fragen sowohl in unserem Hotel, in anderen Hotels als auch in
einer Bäckerei nach. Aber nur unser Hotel ist mit dem Aufstellen
der Fallen im Außenbereich einverstanden.
Am Nachmittag treffen wir Martin in seiner Pause. Er nimmt uns mit
zu der Schule in der er unterrichtet. Wir können mit der Schulleitung
vereinbaren, auf dem Gelände Fallen aufzustellen. Außerdem
bekommen wir gute Tipps von einem Lehrer der Englisch spricht.
In einem Schülerwohnheim in der Nähe können wir ebenfalls
fangen. Dieses hat eine Küche und Essensvorräte, was zunächst
einmal die Anwesenheit von Mäusen vermuten lässt. Außerdem
wurden hier in der Vergangenheit bereits Mäuse gesichtet…
Wir haben insgesamt 40 Fallen mitgenommen und für die erste
Fangnacht auf den drei Standorten verteilt fängig gestellt, mit dem
Ergebnis von immerhin zwei Hausmäusen auf dem Schulgelände.
Unsere ersten Hausmäuse seitdem wir in der Mongolei sind.
Zwei Tage später, am 27.08., fangen wir noch eine dritte Hausmaus
an demselben Standort, wobei es dann auch blieb. Wir sehen das

Ergebnis als befriedigend an und diskutieren darüber, was wir
künftig besser machen könnten. Dennoch finden wir, dass drei
Mäuse immerhin besser sind als gar keine…
Da wir tagsüber also nicht sonderlich viel zu Präparieren haben,
kundschaften wir diese Grenzgegend ein wenig aus. Martin nimmt
uns mit zu einem wunderschönen Aussichtspunkt, wo wir und noch
ein paar wenige andere Touristen den Sonnenuntergang genießen
können.

aussicht-3 aussicht-1 aussicht-2

27.08.2016

KURZER AUSFLUG NACH ALTANBULAG
Wir bekommen den kurzfristigen Tipp nach Altanbulag, einer
kleinen Grenzstadt westlich von Sukhbaatar zu fahren, um hier
ebenfalls Fallen aufzustellen. Eine Kollegin von Martin stellt uns
nicht nur den Kontakt zu einer Familie in Altanbulag her, sondern
handelt auch noch günstige Fahrten mit einer Taxifahrerin für uns
aus. Natürlich zahlen wir trotzdem noch mehr als Einheimische, da
wir höchst offensichtlich europäisch aussehen. Dennoch bekommen
wir einen guten Preis und die Taxifahrerin ist damit einverstanden
in Altanbulag so lange auf uns zu warten, bis wir mit unserer Arbeit
fertig sind. Somit macht sie ein gutes Geschäft und uns ist die
sichere Heimreise garantiert.

haus-altanbulag

Obwohl die Taxifahrerin in etwa so gut Englisch spricht wie wir
Mongolisch, versuchen wir zu kommunizieren. Sie zeigt uns ihre
Familien- und Urlaubsbilder auf dem Smartphone und macht einen
sehr zufriedenen Eindruck. Sie scheint eine frische und stolze
Großmutter zu sein; die meisten Bilder sind von ihrem Enkelkind.

Der Versuch in Altanbulag bleibt leider auch nur bei einem Versuch.
Wir haben nur Zeit für eine einzige Fangnacht, was die
Wahrscheinlichkeit, dass Mäuse in die Fallen laufen, doch sehr
schmälert. Wir fahren also am nächsten Tag mit leeren Fallen nach
Sukhbaatar zurück und treten mit insgesamt drei präparierten
Hausmäusen aus dem Norden den Heimweg mit der Transsib nach
Ulaanbaatar an.

30.08.2016
DREI TAGE SOMMERHAUS
Wir bleiben nicht lange in der Hauptstadt, denn Prof. Samiya bietet
sein vielversprechendes Sommerhaus im Norden Ulaanbaatars an.
In der Vergangenheit wurden hier bereits gute Fänge durchgeführt;
wir sollten allemal Hausmäuse dabeihaben.
Davka und Samiya holen uns am Morgen mit dem Auto vom
Studentenwohnheim ab und bringen uns zum Sommerhaus. Es
sieht in der Tat vielversprechend aus und Rico und ich legen gleich
los und verteilen die Fallen auf dem gesamten Grundstück.
Auf dem großen Gelände befinden sich auch noch vier andere
Häuser, ein kleines Gewächshaus, eine Häuserruine und einige
Steinhaufen, welche potentielle Futter- und Versteckmöglichkeiten
für Mäuse darstellen. Das Grundstück liegt an einem Berghang und
ist von einem Zaun umgeben, wo gleich dahinter der Nadelwald
beginnt. Insgesamt sehen wir vergleichsweise viel Wald in dieser
Gegend.

der-morgen

Die Nächte werden merklich kälter und wir stehen früh auf, damit
die Mäuse nicht unnötig lange in der kalten Falle sitzen müssen.
Auch wenn wir sie im Nachhinein sowieso töten, scheint uns der
Tot durch Chloroform noch der angenehmere zu sein.
Nach der ersten Fangnacht sitzen bereits acht Mäuse in den Fallen,
die nach unserer Einschätzung sechs verschiedenen Arten
angehören. Darunter befinden sich eine Weißzahnspitzmaus
(Crocidura shantungensis), vermutlich vier verschiedene
Wühlmausarten (Myodes rutilus, Microtus oeconomus, Microtus
gregalis und Microtus spp.) und die Waldmausart Apodemus
peninsulae. Nur Mus musculus ließ sich nicht blicken…

Nach diesem Fangergebnis haben wir den ganzen Tag zu tun und
präparieren die Mäuse so schnell es geht. Wie immer nehmen wir
die Köpermaße auf und bestimmen Geschlecht und ggf.
Reproduktionsstatus.
Zwischendurch vereinbaren wir mit Lkhagva am Telefon schon den
nächsten Fangort. Einige Professoren der Nationaluniversität haben
sich verabredet um am Wochenende in den Nationalpark Gorkhi-
Terelj zu fahren und Samiya bietet uns an dorthin mitzukommen.
Natürlich nehmen wir dieses Angebot gerne an, auch wenn wir
möglicherweise keine Hausmäuse fangen werden.
Wir entscheiden uns also nur noch eine Nacht in Samiyas
Sommerhaus zu bleiben und am Freitag mit in den Nationalpark zu
fahren.
Die zweite Fangnacht brachte uns weitere drei Wühlmäuse (eine
Microtus gregalis und zwei Myodes rutilus) nur leider wieder keine
Hausmaus.

Nichtsdestotrotz lassen wir die Fallen guter Hoffnung bis zum Abend stehen, solange wir die drei Tiere präparieren und
auf Davka warten, dass er uns abholt.
Wie man immer so schön sagt: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Und
wir werden belohnt. Etwa eine Stunde vor Davkas Eintreffen
verläuft sich doch noch eine Hausmaus in eine unserer Fallen, die
wir an der Häuserruine aufgestellt hatten. Ein wirklich schönes Tier.

haeuserruine

Teil 3 folgt in kürze..

Facebooktwitterpinterestlinkedintumblrmail