MONGOLEI UND IHRE KLEINSÄUGER – Teil 1

FRÜHSTÜCK MIT YAKS

Nach der knapp zehnstündigen Flugreise mit der mongolischen Airline MIAT und einem Zwischenstopp in Moskau kommen wir schließlich in der Hauptstadt Ulaanbaatar an und werden freundlich durch Prof. Dr. Lkhagvasuren und seinem Bruder Davka empfangen. Draußen steht schon einer der zwei russisch-robusten Kleinbusse (UAV) bereit, welche uns die nächsten drei Wochen sicher durch das wunderbare mongolische Land bringen werden.

“Wir”, das sind Hermann, Margit, Rico und Ich (Katrin), haben die wunderbare Gelegenheit die Summer School in diesem Jahr gemeinsam mitzuerleben. Es ist das erste Mal, dass deutsche Studierende dabei sind; für Hermann und Margit, als erfahrene Gastprofessoren an der Nationaluniversität der Mongolei und gute Freunde der mongolischen Kollegen, gehört es schon fast zur Tradition die Summer School für mongolische Studenten zu halten. In enger Zusammenarbeit mit Prof. Lkhagvasuren wird in den nächsten drei Wochen an verschiedenen Standorten Feldforschung betrieben, in der die Kleinsäugerfauna der Mongolei untersucht werden soll. Ein wichtiger Schwerpunkt liegt dabei auf das Fangen, Präparieren und Bestimmen von Kleinsäugern.

Zunächst sind wir im International Student Dormitory untergebracht. Dies ist unweit von der Nationaluniversität gelegen und man erreicht die wichtigsten Punkte schnell und einfach per Fuß. Da Rico und Ich länger als vier Wochen in der Mongolei verbringen möchten, um Daten zur Hausmauspopulation für unsere Masterarbeit zu sammeln, müssen wir der Immigrationsbehörde noch einen kleinen Besuch abstatten.

Die nächsten drei Tage können wir uns auf die Exkursion, die uns in den Norden des Landes führen wird, vorbereiten und nebenbei etwas die Hauptstadt erkunden. Hermann und Margit haben noch einige Termine wahr zu nehmen, wie zum Beispiel einen Besuch beim Botschafter und im Kulturministerium. Einen Tag vor Abreise lernen wir die mongolischen Studenten kennen: Maggy, Choi und Tseenee. Wir alle packen mit an, als es heißt, das Equipment für die Expedition zusammen zu suchen. Wer hätte gedacht, dass bei einem solchen Vorhaben, drei Wochen camping pur plus real fieldwork, so viel Vorbereitungs- und Organisationstalent von Nöten ist… Gott sei Dank haben wir Margit mit dabei, die stets den Überblick behält! Am Morgen des 31.07.2016, nach Beladen der zwei Furgon mit unserem Equipment, startet schließlich unsere Tour mit dem Ziel für das erste Lager am Khuvsgul Nuur. Drei Tage Fahrt werden prognostiziert.

Kurz nachdem wir die Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt verlassen hatten kommt die eindrucksvoll bergige Steppenlandschaft immer mehr zum Vorschein, deren Gesicht zuvor durch Großstadtleben und vielen neuen Hochhäusern überwiegend im Verborgenen lag.

Es sind knackige 37° C, alle Fenster sind weit geöffnet und der Fahrtwind bläst uns um die Ohren. Immer mal wieder halten wir kurz an um Vögel zu beobachten und zu bestimmen. Ein sehr häufiger und immer schön anzusehender Raubvogel ist der Schwarzmilan (Milvus migrans), der auch bei uns im Osten Deutschlands noch relativ häufig anzutreffen ist. Bei einer kurzen Rast an einem See können wir sogar zwei ausgewachsene Steppenadler (Aquila nipalensis) auf der anderen Uferseite sehen.

Am Abend erreichen wir Khongor und schlagen für die erste Nacht unser Lager am Khara Fluss auf. Auch hier können wir noch einige Vögel beobachten, v. a. die Seeschwalbeneltern (Sterna hirundo) machen uns unmissverständlich klar, dass wir angemessenen Abstand halten sollten. Weiterhin laufen Uferläufer und in etwas weiterer Entfernung auch Jungfernkraniche (Antropoides virgo) herum. An unserem Lager findet Rico einen Sandlaufkäfer (Cicindelidae), welchen ich gerne fotografiert hätte. Dieser machte sich allerdings herzlich wenig aus photoshooting und flog eindrucksvoll in hohem Bogen davon.

Die Nächte im Zelt im fernen Land werden mir wahrscheinlich noch lange in Erinnerung bleiben. Pferde grasen direkt neben mir, jeder individuelle Kaurhythmus und ihr häufiges Nüstern ist zu hören. Ich lausche mehr diesen neuen ungewohnten Geräuschen, als dass ich an schlafen denken könnte…

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Wir stehen früh auf, denn die Fahrt wird lang bis Ikh Uul, dem heutigen Ziel. Mir fällt auf, dass je mehr wir uns von der Stadt entfernen, desto weniger Müll liegt herum. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass es ein saubereres Land als die Mongolei überhaupt noch gibt… zumindest ein so traditionsreiches und naturbelassenes Land wird es wohl kaum ein zweites Mal geben, auch wenn mir wohl bewusst ist, dass durch die Viehhaltung der Ausdruck “naturbelassen” eher relativ ist. Nichtsdestotrotz freue ich mich über die vielen freien Tiere.

Die starke Sommerhitze begleitet uns bis zum Khuvsgul Nuur. Auf der letzten Etappe müssen wir die asphaltierte Straße verlassen und den Holperweg einschlagen, was das Abenteurerherz höherschlagen lässt. Die Aussicht ist atemberaubend; wieder können wir Steppenadler, Mönchsgeier (Aegypius monarchus) und unglaublich viele Ziesel (Long-tailed ground squirrel bzw. wissenschaftlich ausgedrückt Spermophilus undulatus) sehen. Die Flüsse sind kristallklar und wir machen einen kurzen Halt um uns zu erfrischen, dann geht es weiter, die staubige Straße entlang, bis wir endlich an unserem Ziel ankommen.

Es ist traumhaft schön. Wir sind fernab jeglicher Menschenansammlungen; unsere nächsten Nachbarn wohnen mindestens 200 m entfernt von dem Platz, wo wir unser Camp aufbauen. Sie führen noch die traditionelle Lebensweise der Nomaden in ihrer weißen Ger, hüten Ziegen und Schafe und ihre gutmütigen Yaks, allerdings haben auch sie bereits ein Solarpanel für Strom und eine Satellitenschüssel für TV, ein stolzes Moped und sogar einen Kleinlaster im Garten stehen, an dem ständig herumgebastelt wird. Ansonsten weit und breit keine Menschenseele; lediglich in weiter Ferne sieht man noch eine Ger und ein paar Zelte von Touristen, die sich hier für ihren Urlaub offenbar auch etwas zurückziehen wollten.

Da wir nun an unserem Ziel sind heißt es: Kleinsäuger fangen. Also legen wir am nächsten Morgen die ersten Traplines am Berghang aus. Uns werden zunächst die Sherman-Fallen, die wir für Maus & Co. verwenden, nähergebracht, dann wie man sie am besten auslegt und, dass man stets eine kurze Habitatbeschreibung durchführen sollte. In unserem Fall handelt es sich bei der ersten Trapline um eine Feuchtwiese im Übergang zum Lärchenwald. Wir schätzen die jeweiligen Bedeckungsgrade der Moos-, Kraut-, Strauch- und Baumschicht und nehmen außerdem – ganz wichtig – die Koordinaten und die Höhe über dem Meeresspiegel mit einem GPS-Gerät auf. Die Fallen bestücken wir mit gelben Reis, Buchweizen und Schokolade und markieren jeden Fallenstandort mit einem roten Fähnchen, damit die Fallen bei der Kontrolle leichter wiedergefunden werden können. Trapline 2 legen wir weiter oben am Berghang im feuchten Lärchenwald mit Salix aus. Wir versprechen uns viel von diesem Standort, v. a. was die Wühlmäuse angehen. Aber wir wollen auch Pfeifhasen fangen und dafür legen wir etwas größere ShermanTraps vor Kolonieeingänge, die wir in Bereichen mit wesentlich weniger Vegetation vorfinden. Außerdem haben wir Trichterfallen, die wir in den Boden eingraben, und die kleineren Sheffel-Fallen dabei. Diese stellen wir ebenfalls im Tal in teilweise recht feuchte Wiesenbereiche auf.

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Ein paar Sherman-Traps heben wir für Hausmäuse auf. Nachdem wir uns und unser Vorhaben der benachbarten Familie bekannt gemacht haben, gestatten sie freundlich und hilfsbereit und vielleicht ein wenig amüsiert, dass wir die Fallen bei ihnen in der Ger und im Garten aufstellen können. Die Tage am Khuvsgul Nuur vergehen wie im Flug, denn wir haben viel zu präparieren. Der Standort hält, was er unserer Einschätzung nach verspricht. Schon nach der ersten Fangnacht haben wir 28 Tiere in den Fallen. Darunter sind ein ausgewachsener Pfeifhase (Ochotona vermutl. alpina) und drei Wühlmausarten (Microtus oeconomus, Microtus mongolicus und Myodes rutilus), die alle möglichst schnell durch Chloroformbegasung eingeschläfert und anschließend präpariert werden müssen. Nur die Hausmäuse scheinen ausgezogen zu sein. Die Fallen an der Ger bleiben leer.

Am Morgen des dritten Fangtages können wir doch tatsächlich einen Pfeifhasen kauend und in der Sonne sich wärmen sehen. Bei der späteren Fallenkontrolle sitzt ein Jungtier, derselben Kolonie zugehörig wie jener am Morgen, in einer der Fallen. Wir lassen es wieder frei, denn für aussagekräftige Merkmale ist es noch zu klein.

Neben der aktiven Kleinsäugererkundung findet sich zwischendurch auch immer etwas Zeit für eine gesunde Vogelbeobachtung. In der Ferne schwimmen Streifengänse (Anser 9 indicus), Schwanengänse (Anser cygnoides), Rostgänse (Tadorna ferruginea), Reierenten (Aythya ferina) und Prachttaucher (Gavia arctica). Im Wald wurde der europäische Kleiber (Sitta europaea) gesichtet und am Camp der Isabell-Steinschmetzer (Oenenthe isabellina). Außerdem legt die Alpenkrähe (Pyrrhocorax pyrrhocorax) mit ihrem wunderschönen Lauten mehrere spektakuläre Saltos hin, wie ich sie noch nie gesehen habe.

Die benachbarte Familie beschenkt uns mit frischem Brot, YakButter und –Milch, Sahne und Käse. Es sind liebevolle Menschen, das erkennt man auch daran, wie sowohl Mutter als auch Vater mit den Kindern und Enkelkindern umgehen. Wir trinken in ihrer Ger den berühmten Suutei tsai (leicht gesalzener Milchtee) und bekommen Aaruul (getrocknetes Quarkerzeugnis) gereicht. Die fünf kleinen Kinder spielen auf dem Boden das mongolische Würfelspiel Shagai mit den vier Schafsknöcheln. Sie haben jede Menge davon. Nun heißt es aber Abschied nehmen, denn es warten noch weitere tolle Standorte auf uns. Ich werde diese herzliche Familie in Erinnerung behalten. Der Großvater stolz auf seinem Pferd sitzend, die Großmutter bei den vielen Kindern in der Ger; ihre Gesichter freundlich und zufrieden, gezeichnet durch die mongolische Sonne und das Leben als Nomadenfamilie.

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Wir verlassen den schönen Khuvsgul Nuur und fahren wieder den staubigen Hoplerweg zurück. Wir sind noch nicht weit gefahren und ich sehe eine kleine Überraschung im Gebüsch davon hoppeln: ein Polarhase (Lepus timidus) im Sommerkleid. Und obwohl es hier nur wenig Verkehr gibt, der noch dazu aufgrund der Straßen nicht sehr schnell fahren kann, finden wir an demselben Flussufer, an dem wir uns vor ein paar Tagen erfrischt haben, einen überfahrenen Siberian jerboa (Allactaga sibirica). Wir nehmen ihn mit und präparieren ihn im nächsten Camp.

REGEN, REGEN UND NOCH MEHR REGEN

Maggy, die ausgesprochen gut Englisch spricht, bringt uns während der langen Autofahrten einige mongolische Wörter bei. Im Gegenzug lernt sie die Wörter auf Deutsch. Sie ist an allem sehr interessiert und wir verstehen uns auf Anhieb. Wir müssen wieder ein Zwischenlager einlegen und schaffen es erst am darauffolgenden Tag nach Harangok. Wir schlagen unser Lager in einem Tal mit jeder Menge Wüstenulmen auf. In der Nähe grasen Pferde und ein kurzer Marsch den Steinhang hoch und man kommt zu einem hölzernen Ovoo. Normalerweise sieht man eher Stein-Ovoos, hier im Norden ist der Holz-Ovoo jedoch recht häufig zu sehen. Die nächste Etappe sollte eigentlich nur eine kurze werden. Da es diesmal allerdings auch für Lkhagva das erste Mal in diese Gegend geht, fahren wir länger als geplant die sandigen Schotterwege, zwischen Berg und Tal. Es ist auch heute wieder sehr warm. Die wunderbare Aussicht entschädigt jede Strapaze.

Nachdem wir die passende Stelle für unser Camp 2 auskundschaftet haben, schlagen wir unsere Lager unweit des Flusses Harlag gol auf. Auch hier gibt es nur eine Familie, die in ihrem Holzhaus lebt; als einzige Nachbarn weit und breit. Ihr jüngster Sohn wird mit dem Moped und den viel zu großen Stiefeln des Vaters vorgeschickt, um zu erfahren, wer wir sind und was wir machen. An diesem Abend kommt er noch ein zweites Mal vorbei und bringt uns Milch und Butter. Auch hier legen wir gleich los, bauen das Präparierzelt auf und legen die Traplines aus. Wir finden wieder viele gute Stellen am Flussufer und etwas entfernt davon im Lärchen-Birken-Wald. Bei der Familie dürfen wir ebenfalls Fallen in und um das Haus auslegen. Alles sieht sehr vielversprechend aus…

Wir werden jedoch überrascht. Mit Regen; jeder Menge Regen, der nicht mehr aufhören will. Nach der Hitze nun die feuchte Abkühlung und gefangen haben wir nur sehr wenig. Keine einzige Maus lief in die Fallen bei den Traplines, nur jeweils drei Hamster (Striped dwarf hamster bzw. Cricetulus barabensis) an zwei Fangtagen können wir bei der benachbarten Familie verzeichnen. Wir bleiben nicht lange an diesem Ort. Da die Wetterprognose keine Besserung verspricht, bauen wir am dritten Tag unser Lager ab. Die Familie lädt uns noch zum Essen ein. Es gibt Suutei tsai, gekochtes Schafsfleisch und danach Suppe mit Fleisch und Nudeln. Außerdem geben sie uns ihren Aaruul, Sahne, Milch und einen wunderschönen Laib Brot mit für unsere nächste Reise. Der Abschied ist wie immer herzlich; in der Ferne können wir noch einen Schwarzstorch (Ciconia nigra) sehen.

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Wir schaffen es nur bis Chutag Undur, ein kleines Dorf am Ende der Sandstraße, da die sandigen Holperwege durch den tagelangen Regen reinste Schlammpisten geworden sind. Unterwegs muss der ein oder andere Steckengebliebene durch unseren 4-wheel-drive gerettet werden. Man hilft sich, wenn man kann. Es ist wieder ein langer Fahrtag, aber wie immer entschädigt der wunderschöne Ausblick die Anstrengungen im Kleinbus, ganz gleich wo wir auch hinfahren.

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Wir haben bereits den 11.08. und für die Mongolen steht ein besonderes Wochenende an. Das Klostergelände von Amarbayasgalant ist sehr gut besucht, überall sind Zelte und Gers aufgebaut. Wir übernachten hier, Davka und Hata – unsere beiden Fahrer – haben Freunde hier, die wir besuchen und die für uns ein Schaf geschlachtet haben. Es gibt das erste Mal Khorkhog. Khorkhog ist durch heiße Steine gegartes und geräuchertes Fleisch mit ein bisschen Gemüse. Gut gesalzen schmeckt das wirklich sehr gut.

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Aber was wären wir für Biologen, wenn wir nicht auch jetzt etwas zu Untersuchen und zu Präparieren hätten. Unterwegs findet Lkhagva einen Steppeniltis (Mustela eversmanni), welcher durch ein Auto überfahren am Straßenrand lag. Natürlich haben wir ihn mitgenommen. Margit zeigt uns wie sie ihn präpariert. Da Raubtiere größere Krankheitsüberträger darstellen können, geht sie sehr behutsam mit dem Tier um. Für die Haltbarmachung wird die Steppeniltishaut – im Gegensatz zu den Kleinsäugern – nicht mit Watte ausgestopft, sondern zunächst durch Salz haltbar gemacht. Der Rest muss später erfolgen.

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Wir verbringen einen schönen Abend mit mongolischen und deutschen Volksliedern, welche Margit mit ihrer Geige begleitet. Die Nacht wird kalt, das merkt man deutlich. Lange halte ich es nicht aus; ich verkrieche mich im Schlafsack, im Zelt, neben den Schafen. Hermann berichtet eisige 4° C am Morgen. Das Waschen am Fluss wird eine kurze Angelegenheit. Wir lassen uns die Chance nicht nehmen und legen einen kleinen Besuch im Kloster ein. Für mich und Rico ist es das erste Mal, dass wir ein buddhistisches Kloster besuchen. Es ist voller Menschen, die den Gebeten horchen, meditieren und ihre Gaben ablegen.

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DIE GROßE ÜBERRASCHUNG

Heute fahren wir nicht so lange. Unser Ziel für Camp 3 ist Ar Toilbo. Bei einer kurzen Rast treffen wir auf zwei Reiter, die im Wald Blaubeeren sammeln. Sie setzen sich kurz zu uns und bekommen Airag (vergorene Stutenmilch) angeboten, den wir zuvor auf einer kleinen Farm gekauft hatten. Sie unterhalten sich mit unseren mongolischen Freunden; das ist so üblich, wenn man jemanden unterwegs trifft. Unser neues Lager schlagen wir an einem kleinen Bachlauf auf. Wir müssen der Quelle sehr nahe sein, denn das Wasser ist eisig kalt. Gleich nach unserer Ankunft legen wir die Traplines im Lärchenwald mit sekundärer Birke aus. Auch dieses Mal sind wir optimistisch, dass wir mit einem guten Fang nach Hause gehen. Und tatsächlich, wir machen eindeutig gute Fänge. Im diesem Waldstück weisen wir neben der Wühlmausart Myodes rutilus die Waldmaus Apodemus peninsulae nach. Letztere hatten wir bisher noch nicht gefangen, dafür fangen wir sie hier recht häufig. Aber das noch viel Erfreulichere ist, dass wir in einer unserer Trichterfallen am Bach eine Wasserspitzmaus (Neomys fodiens) schon nach der ersten Fangnacht gefangen haben. Doch dabei soll es nicht bleiben. Die nächsten vier Fangnächte fangen wir drei weitere Wasserspitzmäuse durch die Sherman- und Sheffle-Traps, die wir ebenfalls am Bachlauf aufgestellt und mit Fleischköder bestückt hatten. Das ist wirklich ein gutes Ergebnis.

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Normalerweise sind Wasserspitzmäuse extrem stressempfindlich und man findet sie oft tot in der Falle, was bei zweien auch der Fall war. Die anderen beiden leben noch bei der Fallenkontrolle und Lkhagva nutzt die einmalige Gelegenheit Fotos einer lebenden Wasserspitzmaus in ihrem natürlichen Habitat für sein neues Buch zu schießen. Lkhagva macht außerdem eine ungewöhnliche Entdeckung. Die große und wenig aerodynamisch aussehende Wühlmausart Microtus oeconomus kann offenbar sehr gut schwimmen, zumindest versucht sie eine kreative Selbstrettungsaktion mit Sprung in den Bach. Und überhaupt, es scheint, als ob M. oeconomus nur in der Nähe des Baches vorkommt, denn wir finden sie an keiner anderen Stelle, dafür aber auffallend viel Kotansammlungen am Ufer, die wahrscheinlich von dieser Art stammen.

Wir entscheiden länger als geplant hier zu bleiben, da wir gute Fänge machen und dies wirklich ein sehr schöner Fleck ist. Am vorletzten Tag vor unserer Abreise besuchen wir die benachbarte Familie, die man nicht einmal von unserem Lager aus sehen kann. Sie haben uns bei der Anreise natürlich kommen sehen und nach ein paar Tagen Milch und Butter bringen lassen. So ist das eben unter den Mongolen: Weißes wird immer gegeben, denn Weißes ist immer vorhanden. Damit sind natürlich die ganzen Milchprodukte gemeint, die an Reisende überbracht werden. Die Familie bewohnt eine Ger und besteht aus dem jungen Elternpaar und drei Kindern. Bei unserem Besuch treffen wir einen der Blaubeerensammler wieder. Er ist diesmal mit seinem kleinen Sohn da. Es wird wie immer gastfreundlich Suutei tsai und das typische mongolische Gebäck und Aaruul gereicht. Außerdem schenken sie uns eine Flasche selbst destilliertes Nermel-Arkhi aus Kuhmilch. Und bevor wir uns verabschieden, lässt mich Toeh, der jüngere Sohn, sogar noch auf seinem Pferd reiten.

Natürlich sollte man als Gast nicht mit leeren Händen kommen. Bei jedem Besuch der einheimischen Familien haben auch wir kleine Mitbringsel dabei und sie freuen sich über jedes Geschenk. Für die Kinder haben wir meist ein paar Süßigkeiten, für den Mann des Hauses bringen wir Tabak und Zigarillos mit, die Frau freut sich über eine schöne Creme. Außerdem lassen wir ihnen das ins Mongolisch übersetzte Infoheft über die jahrelange gemeinsame Arbeit der Senckenberg Gesellschaft und der Nationaluniversität der Mongolei da, damit sie später noch einmal nachlesen können, was und warum geforscht wird.

Wir trennen uns nur ungern von diesem schönen Camp, doch eine letzte Station in Tunchel (Camp 4) wartet noch auf uns. Beim Einpacken und Aufräumen der Zelte am Morgen des 17.08. gab es noch eine Überraschung. Eine giftige! In meinem Rucksack, an den Trageriemen, wärmt sich eine Halys-Otter (Gloydius halys) in der Morgensonne. Zum Glück bemerken wir sie rechtzeitig. Sie liegt ziemlich versteckt und nur durch eine Bewegung ihrerseits habe ich sie überhaupt erst gesehen.

ABSCHIED

Wir fahren weiter, lassen bald das Amarbayasgalant Kloster hinter uns und fahren wieder den ganzen Tag durch die mongolische Steppe auf Holperpisten. Am Abend campieren wir für eine Nacht in Zuun Charaa. Es ist hier wesentlich trockener und nicht mehr so kalt. Die unglaublichen Weiten, die man in der Steppe sehen kann, bringen mich immer wieder zum Staunen. Es sind atemberaubende Augenblicke. Alle meine Fotos, die ich auf der Tour gemacht habe, können das nicht ansatzweise so wiedergeben…

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Bevor wir am nächsten Morgen nach dem Frühstück losfahren entdeckt Rico einen jungen Eremias argus (Mongol. Racerunner). Es ist schön, immer wieder einen kleinen Besucher zu entdecken. Meine Vogelliste wächst, die der Kleinsäuger sowieso und nun auch langsam die der Reptilien.

In Tunchel kommen wir beim GIZ-Lager unter und bewohnen drei Ger. Hermann und Margit kennen die Frau, die das hier verwaltet und für Lkhagva ist dies ebenso ein gut bekannter Forschungsort. Wir sind nicht mehr weit von der Hauptstadt Ulaanbaatar entfernt und Lkhagvas Biologie Studenten kommen jedes Jahr für ein Praktikum hierher. Hier treffen wir schließlich auf Martin, einen Förster, der für die GIZ mongolische Förster ausbildet. Er bietet mir und Rico an uns nach Möglichkeit mal mitzunehmen, wenn er mal wieder für ein paar Tage im Land unterwegs ist. Er ist gerade bei der Abreise als wir ankommen und fährt wieder zurück nach Ulaanbaatar. Wir tauschen Nummern und bleiben in Kontakt.

Tunchel ist ein wirklich sehr hübsches kleines Städtchen. Das GIZLager ist ein kleines bisschen fernab davon. Unsere Fahrer wollen für das Abschiedsessen Khorkhog machen und dafür müssen wir ein Schaf holen. Ich darf mit und eins auswählen. Wir sind mindestens zwei Stunden unterwegs und fragen Bewohner nach einem Schaf, aber niemand hat eins oder kann eins geben, also fahren wir letzten Endes in den nächsten Supermarkt in die Stadt zurück und kaufen drei gefrorene Beine und Rippen; das reicht ja auch. Ich muss zugeben, dass ich vielleicht auch ein kleines bisschen froh bin, dass ich kein Schaf auswählen musste…

Natürlich sind wir nicht nur zum Khorkhog essen hierhergekommen. Wir nehmen wie gewohnt die Kleinsäugerfauna auf und legen die Fallen in Waldbereiche und am Flussufer aus, mit dem Ergebnis von acht Apodemus peninsulae und einer Neomys fodiens. Da wir Studenten durch das viele Präparieren immer besser werden, sehen auch die Balge immer ansehnlicher aus. Am Ende findet die traditionelle Miss-Balg-Wahl statt, bei der Tseenee verdient gewinnt. Sie bekommt ein Präparierbesteck-Set als Preis. Unser letzter gemeinsamer Abend mit Khorkhog, Gesang und Geige steht an. Es ist ein schöner Abschied, wenngleich es kein leichter ist. Es waren ganz wundervolle lehrreiche drei Wochen im Norden der Mongolei und ich bin dankbar dabei gewesen zu sein.

 

Teil 2 folgt in kürze…

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